"Venus vulgivaga" untersucht die Prostitution als historisches, gesellschaftliches und kulturelles Phänomen. Der lateinische Titel – die "gemeine" oder allen zugängliche Venus – ve
"Venus vulgivaga" untersucht die Prostitution als historisches, gesellschaftliches und kulturelles Phänomen. Der lateinische Titel – die "gemeine" oder allen zugängliche Venus – verweist auf eine Darstellung, in der Sexualität nicht bloß als privates Begehren, sondern als Ausdruck sozialer Ordnungen, ökonomischer Abhängigkeiten und moralischer Wertvorstellungen erscheint. Schwerins Stil verbindet sachlich-analytische Erörterung mit kulturgeschichtlicher Deutung; damit steht das Werk im Umfeld jener um 1900 verbreiteten medizinischen, sozialwissenschaftlichen und sexualreformerischen Literatur, die das Verhältnis von Körper, Geschlecht, Moral und moderner Großstadt neu zu bestimmen suchte. Gerade die Spannung zwischen wissenschaftlichem Anspruch und zeitgenössischer Sittenkritik macht den Text literatur- und ideengeschichtlich aufschlussreich. Über Otto Schwerin sind heute nur begrenzte biografische Informationen zuverlässig greifbar. Umso deutlicher spricht aus diesem Buch sein Interesse an den sozialen Randzonen der bürgerlichen Gesellschaft und an der Frage, wie öffentliche Moral mit tatsächlichen Lebensverhältnissen kollidiert. Die Wahl eines gelehrten lateinischen Titels und die systematische Behandlung des Gegenstands lassen einen Autor erkennen, der den zeitgenössischen Diskurs über Sexualität, Gesundheit, Geschlechterrollen und soziale Kontrolle aufmerksam aufnahm und kritisch ordnete. Empfohlen sei das Werk allen Lesern, die sich für die Geschichte der Prostitution, die Entwicklung moderner Sexualwissenschaft und die Mentalitätsgeschichte des wilhelminischen Zeitalters interessieren. Es bietet nicht nur Informationen über seinen Gegenstand, sondern auch ein prägnantes Dokument dafür, wie eine Epoche ihre eigenen moralischen Widersprüche wissenschaftlich zu erklären versuchte.