Antoine-François Prévosts "Manon Lescaut" (1731) ist eine im Rahmen der "Mémoires et aventures d'un homme de qualité" überlieferte Liebes- und Bildungsnovelle, die später als
Antoine-François Prévosts "Manon Lescaut" (1731) ist eine im Rahmen der "Mémoires et aventures d'un homme de qualité" überlieferte Liebes- und Bildungsnovelle, die später als eigenständiges Werk kanonischen Rang erlangte. Der chevalereske Des Grieux erzählt rückblickend seine verhängnisvolle Leidenschaft für Manon: Zwischen gesellschaftlicher Norm, ökonomischem Zwang und individueller Begierde entfaltet sich ein Drama von Verführung, Schuld, Flucht und Verlust. Die verschachtelte Memoirenform, der Wechsel von moralischer Reflexion und affektgeladener Darstellung sowie die psychologische Feinzeichnung verbinden barocke Empfindsamkeit mit den aufklärerischen Fragen nach Tugend, Freiheit und sozialer Determination. Gerade die Ambivalenz der Figuren verhindert eine eindimensionale Moral und macht den Roman zu einem frühen Schlüsseltext der modernen französischen Prosa. Prévost (1697–1763), meist Abbé Prévost genannt, führte ein bewegtes Leben zwischen geistlichem Orden, militärischem Dienst, Reisen, Exil und literarischer Arbeit. Seine Erfahrungen mit institutioneller Disziplin, gesellschaftlicher Unsicherheit und wechselnden Lebensentwürfen spiegeln sich in der Spannung zwischen religiöser Moral und menschlicher Leidenschaft, die "Manon Lescaut" prägt. Als Übersetzer und produktiver Erzähler vermittelte er zudem englische empfindsame Literatur im französischen Kontext. Empfohlen sei das Buch allen Lesern, die sich für die Entstehung des psychologischen Romans, die Geschichte der Empfindsamkeit und die konfliktreiche Beziehung zwischen Liebe und Gesellschaft interessieren. Seine knappe Intensität und moralische Mehrdeutigkeit wirken bis heute unmittelbar.