Niemand hĂ€tte je erraten, welches Geheimnis die junge Herta birgt. Kommissar Valvert sinniert, wenn man die kleine SekretĂ€rin in entsprechende Kleider steckte, wĂŒrde sie Furore machen in den ersten Sa
Niemand hĂ€tte je erraten, welches Geheimnis die junge Herta birgt. Kommissar Valvert sinniert, wenn man die kleine SekretĂ€rin in entsprechende Kleider steckte, wĂŒrde sie Furore machen in den ersten Salons von Paris. Sonderbar, dass eine junge Dame mit dem Gesicht und der Figur hier als unscheinbare SekretĂ€rin arbeitet, statt in irgendeinem groĂen Modesalon die erste Geige zu spielen oder an der Seite eines eleganten RouĂ©s in einem schnittigen Wagen durch das Bois zu fahren. Er kann nicht umhin, seine schönheitsfreudigen Augen rasch und anerkennend ĂŒber die Gestalt gleiten zu lassen, von den schmalen FuĂgelenken und aufwĂ€rts ĂŒber die schlanken HĂŒften, die edelgeformte junge Brust bis zu dem verhaltenden Gesicht. Ohne Zweifel eine Schönheit! Aber eine Schönheit, die ein Geheimnis birgt â und hier dreht es sich nicht nur um die lĂ€ppischen 5000 Franken, die aus Henry Heitingers Jackentasche, die im Vorraum des BĂŒros hing, verschwunden sind. Nein, Kommissar Valvert sieht diesen Fall nicht als einen einfachen Gelegenheitsdiebstahl. Ruhig mustert er die junge Frau, deren Gesicht sich jĂ€hlings verĂ€ndert und wie in ein Meer aus Spottlust und Schelmerei getaucht ist. Tausend kleine Kobolde schlagen Rad in ihren braunen Augen, aber nach seiner letzten scharfen, von Argwohn gebeizten Frage löst er eine andere Wirkung aus, als erwartet: Ein klingendes, glockenreines MĂ€dchenlachen schwingt durch den Raum. Fast vertraulich beugt Herta sich etwas vor, die gezĂŒgelte Verbindlichkeit der groĂen Dame in jedem Zug, jeder Kopfbewegung. "Sie gefallen sich in Scherzen, mein Herr. Denn ich kann unmöglich glauben, dass ein so hervorragender Beamter der SĂ»retĂ© wirklich eine so naheliegende Tatsache ĂŒbersieht. Wenn Sie meinen gesunden Menschenverstand auf die Probe stellen wollen, so hoffe ich, die PrĂŒfung zu bestehen", lĂ€chelt Herta. Und ihr LĂ€cheln ist wie der FĂ€cherschlag einer jungen Marquise des Ancien Regime.Monsieur Pollin rĂ€uspert sich heftig, ihm ist die ganze Geschichte Ă€uĂerst undangenehm und er denkt, sein alter Freund, der Kommissar, hielte einen Diebstahl von 5000 Franken fĂŒr eine Kleinigkeit, deren er sich nur der alten Freundschaft zuliebe persönlich herbemĂŒht hat, doch weit gefehlt! "Nicht immer sind die sogenannten Kaptalverbrechen fĂŒr uns Kriminalisten die interessantesten FĂ€lle. Oft genug ist ein einfacher Diebstahl, kriminalistisch gesehen, schwerer aufzuklĂ€ren als ein Raubmord. Hier zum Beispiel haben wir einen solchen Fall", sinnt der Kommissar und seine Ermittlung beginnt.