Zeitschrift für Ideengeschichte Heft VI/4 Winter 2012

Droge Theorie

Stephan Schlak Ulrich Raulff

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Beschreibung zu „Zeitschrift für Ideengeschichte Heft VI/4 Winter 2012“

Dieser Stoff kickte – auch wenn er aus sperrigem Vokabular zusammengebraut war. In den Sechzigerjahren stieg die Zahl der Abhängigen rasend schnell. Erst zirkulierte der Stoff in kleinen autonomen Gruppen, später wurde er in großen Mengen vornehmlich an den Universitäten feilgeboten. Extravenös wurde er eingenommen – durch reine Begriffsarbeit, durch die Exerzitien der Lektüre. Der Wirkung tat das keinen Abbruch. Die Droge hieß Theorie. Von ihr ging ein betörender Sirenengesang aus. Es war gerade der heruntergedimmte, asketische Sound, der einen Rausch entfaltete. Zwar schimmerte durch das aus dem Griechischen stammende Wort «theoria» schon immer die göttliche Signatur (theos). Aber erst in der Nachkriegszeit hat der Begriff seine alte unschuldige «Anschauung» verloren. Theorie war die Prämie, die höhere Erkenntnis versprach. Die Heilsvokabel in den Geisteswissenschaften.
Dabei wirkten die abstrakten Theoriegebilde mit ihren formalen Modulen (‹Diskurs›, ‹Dispositiv›, ‹Struktur›, ‹Medien›) erst einmal wie eine Ausnüchterungsmaschine. Sie standen quer zum intuitiv Erlebten, waren frei von expressiven Energien. Es war das Einüben einer neuen, kalten Sprache, die das Verfahren der Argumentation der Sache selbst vorzog. Das Genre für eine statisch empfundene Zeit, in der die Geschichte zum Stillstand gekommen schien. Was der Begriffstheoretiker Reinhart Koselleck für die soziale Semantik seit der Aufklärung insgesamt nachzeichnete, könnte man im Kleinen auch an dem akademischen Grundbegriff «Theorie» zeigen: wie er seit den Sechzigerjahren demokratisiert und ideologisiert wurde. Bis man sich bei jeder Doktorarbeit in den Sozialwissenschaften zuerst durch den Hirsebrei des Methodenkapitels fressen musste. Wie Theorie zu einem modernen, umkämpften Parteibegriff wurde, mit allen Monopolisierungen und Diskriminierungen – «Theorie der Gesellschaft oder Sozialtechnologie» (Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M. 1971) –, die die Karriere eines solchen Begriffes mit sich bringt.
Heute hat der Begriff der Theorie längst seine Abendröte hinter sich. Die Zeiten, in denen Theorie die härteste Währung in den Geisteswissenschaften war, sind vorbei. Auch wenn Einzelne noch an der Nadel hängen, scheint die Theoriebedürftigkeit der Nachkriegsjahre selbst in den Zustand der Historisierung übergegangen zu sein. Was theoriesicher lange Jahre als naive Zugänge zur Wirklichkeit verspottet wurde, infiltriert heute wieder die Sachbücher – das Tagebuch, die Autobiographie, überhaupt die bunte, stimmungsvolle Welt der Narrationen. So sehr man es begrüßen kann, dass Theorie ihren alten Einschüchterungsgestus verloren hat, so bleibt auch ein wehmütiger Blick zurück. An Theorie als eine Schule des Denkens, an Texte, die Intensität verströmten und existentiell gelesen wurden. Was ist geblieben vom coolen Gestus der Weltbemächtigung im schwarzblauen Anzug? Was war Theorie?
Seit 2009 wird das Archiv des Suhrkamp Verlages im Deutschen Literaturarchiv in Marbach aufbereitet. Das Haus in der Lindenstraße in Frankfurt war lange Jahre die erste Theorieadresse des Landes. Kein Verlag hat die Theorieemphase so befeuert wie Suhrkamp mit seinen legendären Theorie-Reihen und seit 1973 mit den stw-Taschenbüchern. Und so stehen am Anfang dieser Ausgabe über Aufstieg und Fall einer mächtigen Vokabel auch Fundstücke aus dem Archiv dieses Verlages.

Über Stephan Schlak

NICOLAS BERG
geb. 1967, ist Historiker, arbeitet am Simon-Dubnow-Institut für jüdische Geschichte und Kultur in Leipzig und ist derzeit Fellow am German Historical Institute, London. 2011 erschien: Kapitalismusdebatten um 1900. Über antisemitisierende Semantiken des Jüdischen.

JAN BÜRGER
geb. 1968, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des Deutschen Literaturarchivs Marbach. 2009 erschien Hilde Domin: Die Liebe im Exil. Briefe an Erwin Walter Palm aus den Jahren 1931–1959 (Hg., zus. mit Frank Druffner).

ROGER CHARTIER
geb. 1945, war bis 2006 Directeur d’Études an der École des Hautes Études en Sciences Sociales in Paris. 2011 ist erschienen: Cardenio entre Cervantès et Shakespeare. Histoire d’une pièce perdue.

PHILIPP FELSCH
geb. 1972, ist Juniorprofessor für die Geschichte der Humanwissenschaften am Institut für Kulturwissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin. 2013 erscheint Merve oder Was war Theorie?

ALEXANDRA KEMMERER
geb. 1972, Juristin und Publizistin, ist wissenschaftliche Koordinatorin des Forschungsverbundes «Recht im Kontext» und seines Programms «Rechtskulturen» am Wissenschaftskolleg zu Berlin.

JOST PHILIPP KLENNER
geb. 1979, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Editionsprojekt «Ernst H. Kantorowicz» am Deutschen Literaturarchiv Marbach.

MATTHIAS KROSS
geb. 1953, ist wissenschaftlicher Referent am Einstein Forum in Potsdam. Er ist Autor zahlreicher Beiträge zur Wittgenstein-Forschung und Mitherausgeber der Buchreihe Wittgensteiniana.

TIM B. MÜLLER
geb. 1978, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Hamburger Institut für Sozialforschung. Jüngste Buchpublikation als Herausgeber (zusammen mit Bernd Greiner und Claudia Weber): Macht und Geist im Kalten Krieg (2011).

MORITZ NEUFFER
geb. 1985, studierte Geschichte in Hamburg, Paris und Berlin und verfasste eine Abschlussarbeit zur Zeitschrift «Alternative».

MORTEN PAUL
geb. 1987, studierte Germanistik, Philosophie und Kulturwissenschaften in Konstanz, Athen und London. Er promoviert zur Mediengeschichte deutscher Theoriekonjunkturen.

BARBARA PICHT
geb. 1970, ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder). 2008 erschien von ihr: Erzwungener Ausweg. Hermann Broch, Erwin Panofsky und Ernst Kantorowicz im Princetoner Exil.

ULRICH RAULFF
geb. 1950, ist Direktor des Deutschen Literaturarchivs Marbach.

THOMAS THIEMEYER
geb. 1976, ist Juniorprofessor am Ludwig-Uhland-Institut für Empirische Kulturwissenschaft. 2010 erschien: Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln. Die beiden Weltkriege im Museum.

LILIANE WEISSBERG
ist Christopher H. Browne Distinguished Professor in Arts and Science und Professorin für deutsche und vergleichende Literaturwissenschaft an der University of Pennsylvania in Philadelphia.

ERNST-PETER WIECKENBERG
geb. 1935, war bis 2000 als Verlagslektor tätig. 2011 erschien seine Ausgabe Ali Baba und vierzig Räuber. Erzählungen aus Tausend und eine Nacht. Übersetzt von Johann Heinrich Voß.


Verlag:

C.H.Beck

Veröffentlicht:

2012

Druckseiten:

ca. 117

Sprache:

Deutsch

Medientyp:

eBook


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