Porrentruy, Oktober 1635. Sébastien de Corban, Notar in der fürstlichen Kanzlei, glaubt an die Ordnung der Schrift: Verträge, Siegel, Kaufbriefe. Die Welt lässt sich bändigen, solange die Tinte fliess
Porrentruy, Oktober 1635. Sébastien de Corban, Notar in der fürstlichen Kanzlei, glaubt an die Ordnung der Schrift: Verträge, Siegel, Kaufbriefe. Die Welt lässt sich bändigen, solange die Tinte fliesst. Dann taumelt ein Bote in den Festsaal des Schlosses. Drei Worte: Der Schinder kommt.In einer einzigen Nacht zerbricht alles. Die Marodeure des Dreissigjährigen Krieges überrollen den Jura, und Sébastien flieht durch Geheimgänge in eine Welt, die er nicht kennt: verbrannte Dörfer, Pestleichen auf den Marktplätzen, Wolfsrudel in den Freibergen. Begleitet wird er von Joris, einem alten Söldner, der seit zweiundvierzig Jahren Krieg führt und nur noch einen guten Tod sucht, und von Isabelle, einer Kräuterfrau, die man eine Hexe nennt, weil sie die Pflanzen kennt, die heilen.Sébastien besitzt keine Waffe. Er besitzt Zangen, Messer und einen kleinen silbernen Löffel für die Wundränder — die Instrumente eines Medicus, der an der Universität Dole gelernt hat, dass der Körper ein Buch ist, das man lesen kann. Doch in dieser Wildnis aus Schlamm und Blut muss er eine andere Sprache lernen: die Sprache des Überlebens.Hinter ihm, unaufhaltsam, folgt Oberst von Hauk — ein Mann, der einmal Theologie studiert hat und jetzt die Philosophie des Stärkeren predigt. Zwischen dem Notar und dem Schinder liegt der Jura. Zwischen Tinte und Blut liegt ein einziger Oktober.