Die Verjagten ist eine ErzÀhlung von Heinrich Mann. Zusammen in diesem Band mit Der Bruder.Auszug:Seit gestern ist nun auch die sechzehnjÀhrige Linda Barocci gestorben. Alle, die sie k
Die Verjagten ist eine ErzĂ€hlung von Heinrich Mann. Zusammen in diesem Band mit Der Bruder.Auszug:Seit gestern ist nun auch die sechzehnjĂ€hrige Linda Barocci gestorben. Alle, die sie kannten, sagen, daĂ sie glĂŒcklich zu leben verdient hĂ€tte, denn sie war gut und tapfer, was sie schon lange vor ihrem letzten UnglĂŒck bewiesen hatte, drauĂen vor Porta Agnese bei ihrem Verwandten Nazzarri, der ihr nachstellte. Nazzarri Umberto hatte seine GĂ€rtnerei gleich hinter dem Heiligtum Santa Agnese. Er war ein stattlicher Mann mit lebhafter Gesichtsfarbe. Die Linda, blond, weiĂ und sehr zierlich, fand ihr Heil, wenn die Laune ihn ankam, stets nur in ihrer Schnelligkeit. Denn der Garten ist groĂ und geht in das offene Feld ĂŒber. Wenn der Nazzarri der Kleinen lĂ€stigfiel, trat manchmal seine Gattin dazwischen, die Frau Amelia, oder besser gesagt, sie rief ihrem Gatten von der TĂŒr her Namen zu, die keine Kosenamen waren; aber persönlich zur Stelle zu sein ward ihr schwer wegen des Gewichts ihres Körpers. Diese beleibte Person hatte ein gutes Herz, das die Linda die versuchte Untreue ihres Gatten nie entgelten lieĂ. Vielmehr bezeigte sie ihr das innigste Mitleid und warnte den Nazzarri vor allem UnglĂŒck, das seine böse Lust nicht verfehlen werde heraufzurufen. Er aber wollte nicht hören. Gereizt durch den Widerstand des MĂ€dchens, hetzte er sie oft umher wie toll, und besonders zu der Stunde, wo auf die Campagna die DĂ€mmerung herabsteigt. Dann sahen Nachbarinnen Linda dahin huschen ĂŒber den Boden, klein und leicht wie eine Fledermaus, und irgendwo darin verschwinden. Denn die Erde hat dort versteckte Löcher, die zu den alten Katakomben hinabfĂŒhren, und in ihnen findet man schwer den, den man sucht, wenn auch zuweilen solche, die man nicht gesucht hat, und die das Licht scheuen. Der Nazzarri muĂte drauĂen warten, bis es der Linda gefiel, zurĂŒckzukehren. Einmal, sagten sie, habe er achtundvierzig Stunden lang warten mĂŒssen. So verzweifelt war das MĂ€dchen, daĂ es sich drunten verirrt hatte und halb verhungert hervorkam.